Vorträge

Podiumsdiskussion

Moderation

Michael Hölker

Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Baustofffachhandel

Teilnehmer

Anja Rosen (AR)

Architektin, energum GmbH (agn-Gruppe), Sachverständige für Nachhaltiges Bauen [SHB], DGNB-Auditorin, Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Baukonstruktion, Entwurf, Materialkunde an der Bergischen Universität Wuppertal

Thomas Lauritzen (TL)

Leiter Internal Services und Unternehmenssprecher, Schüco International KG Bielefeld

Stephan Riemann (SR)

Geschäftsführer Lightcycle Retourlogistik und Service GmbH

Fragen:

Welche Vorstellungen und Ideen zum Thema Ressourcenschonende Bauwirtschaft zeigen sich im Tagesgeschäft? Welche Probleme gibt es? Was soll sich ändern? Wie soll sich die IRBau positionieren? Welche Parallelen und welche Unterschiede gibt es zu anderen Branchen wie z.B. der Automobil- oder Lichtindustrie? Welche Rolle spielen gesetzliche Regelungen? Wie kann und soll sich die Industrie positionieren? Wie die Architektur? Welche Chancen und Risiken gibt es angesichts immer höherer Baukosten und immer komplexer werdender Ansprüche? Wie muss sich die Politik positionieren?

Kernaussagen

AR: „Als Architekten und Ingenieure verplanen und verbauen wir heute in unserer rohstoffhungrigen Zeit bereits die Ressourcen nachfolgender Generationen. Unsere Bauherren stellen uns zunehmend die Aufgabe, Gebäude so zu gestalten, dass die Materialien leicht zurückgewonnen und verwertet werden können. Design for Urban Mining.“

AR: „Was die Perspektive der Architekten angeht, gibt es im wesentlichen drei Ansatzpunkte. Erstens, fehlende Regularien. Die HOAI definiert die Verantwortung des Architekten nur bis zum Ende der Fertigstellung eines Bauwerks, bzw. bis zum Ablauf der Gewährleistungsfrist. Das Lebensende eines Gebäudes wird nicht berücksichtigt. Zweitens: Ressourcenschonend zu bauen ist – ausgehend vom heutigen Kenntnisstand – zunächst mit Mehraufwand verbunden, es mangelt an Wissen! Und drittens: Unser eigenes Selbstverständnis steht uns im Weg, die Baukunst steht im Vordergrund, die Frage, was passiert, wenn ein Gebäude nicht mehr nutzbar ist, wird nicht bedacht.“

TL: „Anders als die homogene Automobilindustrie ist die Bauindustrie sehr heterogen aufgestellt. Diverse Verbände agieren unabgestimmt im politischen Umfeld in Berlin, das führt dazu, dass je nach Interessenlage Uneinigkeit darüber besteht, ob der Lebenszyklus eines Gebäudes auf der Deponie endet oder die Wiederverwendung von Produkten mitberücksichtigt werden soll. Das ist ein Problem.“

TL: „Wichtig ist, Wissen zu bündeln! Themen auszuarbeiten und zu kommunizieren – nicht mit einer Stimme, sondern mit mehreren Stimmen dieselbe Botschaft! Die IRBau sieht sich als Initiatorin und Bindeglied, will aber nicht als übergeordnetes Sprachrohr in Erscheinung treten. Die Kommunikation soll bewusst über so viele Akteure wie möglich laufen!“

SR: „Für die Elektroindustrie, Beispiel Lichtindustrie, gibt es im Bereich Erfassung & Recycling eine Fülle gesetzlicher Vorschriften. Damit allein ist es jedoch nicht getan. In der Umsetzung gibt es – Stichwort Schadstoffentfrachtung – noch viel zu tun. Die Stoffströme verändern sich und es sind nicht nur Wertstoffe, sondern auch Schadstoffe die hier zugeführt werden.“

SR: „Ein weiteres Thema ist die Kontamination: Wir sehen zum Beispiel immer wieder, dass der Unterschied zwischen Lampe und Leuchte nicht erkannt wird – die Lampe bleibt in der Leuchte, bei der Behandlung kommt es zum Bruch, Quecksilber tritt aus und der gesamte Container mit Elektroaltgeräten ist kontaminiert. Hier zeigen sich Schwächen im Prozess, die mit dem immer schneller voranschreitenden Technologiewandel noch zunehmen werden.“

SR: „Eine effektive Marktüberwachung findet in Deutschland faktisch nicht statt. Durch den Onlinehandel wird dies zusätzlich erschwert. Bis zu vierzig Prozent der Inverkehrbringungsmenge bei Beleuchtung werden online verkauft. Ein Großteil aus dem asiatischen Raum. In fünf Jahren haben wir diese Produkte im Stoffstrom und wissen nichts über die stoffliche Zusammensetzung.“

TL: „Das Thema `Zusammensetzung´ der Produkte beschäftigt uns auch bei Schüco. Das Prinzip `Cradle-to-Cradle´ setzt genau hier an. Es baut darauf auf, dass alle eingesetzten Materialien und Produktteile wiederverwendet werden können. Das bedeutet aber auch, dass die Zusammensetzung der Materialien und Produkte bekannt sein muss. In der Praxis stoßen wir hier oft an Grenzen und müssen zum Beispiel bei Zulieferern hart darum kämpfen, dass wir die notwendigen Informationen auch erhalten.“

TL: „Ein Thema ist auch die Kostenbetrachtung, die sich seitens der Investoren aber auch seitens des Bundes zu sehr darauf konzentriert, was die Errichtung eines Gebäudes kostet, nicht aber dessen Nutzungszeit betrachtet, ganz zu schweigen davon, was nach Ende der Nutzung passiert. Das muss sich ändern.“

TL: „Als Unternehmen ist es schwer, im Alleingang Änderungen herbeizuführen. Mindestens die Politik muss mit im Boot sitzen und mit ihren Anforderungen für öffentliche Gebäude die Weichen für eine Ressourcenschonende Bauweise stellen. Das muss sich bereits in den Ausschreibungen niederschlagen.“

AR: „Die IRBau ist eine sehr gute Plattform, die Relevanz des Themas Ressourcenschonendes Bauen zu kommunizieren. Wichtig ist aber auch der reine Wissenstransfer! Der Recycling-Atlas, der aktuell von einem Team der Bergischen Universität Wuppertal erarbeitet wird, soll konkret darüber informieren, wie recyclinggerecht gebaut werden kann. Damit sollen praktizierende Architekten erreicht werden, aber auch die, die sich gerade in der Ausbildung befinden.“

AR: „Nachwuchsförderung ist sehr wichtig. Deshalb wurde in Kooperation mit der Bergischen Universität Wuppertal, dem Urban Mining Verein und der agn-Gruppe ein `Urban Mining Student Award´ ins Leben gerufen. Wir brauchen junge Architekten, die schon an der Hochschule Ressourcenschonendes Bauen lernen, um es dann später auch in der täglichen Praxis anwenden zu können. Wichtig wäre natürlich auch, dass sich die Architektenkammern an dem Prozess beteiligen.“

AR: „Das Bauen hat sich verändert. Es ist komplexer geworden. Früher kamen natürliche Materialien zum Einsatz, die leicht auseinander zu nehmen waren und einfach verrottet sind. Heute existieren vollkommen andere Anforderungen im Hinblick auf Brandschutz, Wärmeschutz etc., was zu Folge hat, dass hochtechnisierte Verbundmaterialen verbaut werden, die oft auch noch verklebt sind und nur schwer sortenrein getrennt werden können. Wie damit im Sinne einer Ressourcenschonenden Bauweise umgegangen werden kann und welche Alternativen es gibt, müssen wir uns erst erarbeiten.“

TL: „Wir brauchen Pilotprojekte, die zeigen, wie es anders geht. Am besten in Kooperation mit dem Bund. Der Bund muss mit gutem Beispiel vorangehen.“

AR: „Die Rede war von der Notwendigkeit von Pilotprojekten. In Berlin soll auf dem Areal des Flughafens Tegel die so genannte Urban Tech Republic entstehen. Das bisherige Terminalgebäude wird in eine Hochschule umgewandelt. Das Projekt ist in ein Urban-Mining-Konzept eingebettet: Alle Baustoffe, die zurückgebaut werden, sollen möglichst vor Ort recycelt und wiederverwertet werden. Alles, was neu hinzugefügt wird, soll so gestaltet werden, dass es recyclingfähig ist. Dieses Projekt wird für viel Aufmerksamkeit sorgen.“

SR: „Mein Wunsch ist die gesetzliche Verpflichtung zum Nachweis der stofflichen Inhalte bei den Produkten, die die Hersteller, bevor sie sie in Verkehr bringen, nachzuweisen haben. Genauso verpflichtend muss es sein, dass sich Hersteller kollektiven Sammelsystemen anschließen müssen, und Ihren finanziellen Beitrag zur Sammlung und Recycling Ihrer Produkte beitragen.“